WICHTIGER DREIER IM ABSTIEGSKAMPF
Sollte Ingo Kahlisch irgendwann einmal seine Memoiren schreiben, die Partie im Wandlitzer Ortsteil wird sicher ein eigenes Kapitel bekommen. Elf Mal Gelb, ein Mal Gelb-Rot, vier Elfmeter in einer Halbzeit, von denen drei vergeben wurden - es war kein gewöhnliches Brandenburgderby.
Bei Rathenow wurde umgestellt. Statt Chris Onu beackerte Jose Luis Aranda Aedo die Außenbahn. Grund war der Sportplatz an der Mühlenstraße. Und das ist überhaupt nicht negativ gemeint. Im Gegenteil. Überall nette, hilfsbereite Menschen, eine gepflegte Anlage, ein gut bespielbarer Untergrund. Nein, die Abmessungen des Platzes waren es, die das Trainerteam zur Umstellung bewegten. Und damit kommen wir zu einem Paradoxon: Auf dem kleinsten Platz der Liga boten beide Abwehrreihen dem Gegner riesige Räume. Somit ergaben sich, vor allem vor der Pause, unfassbar viele Torgelegenheiten.
Eines vorweg, es war keine ruppige Partie. Die Kartenflut kann man als Außenstehender nur schwer erklären. Vielleicht waren es die vier Strafstöße, die Schiedsrichter Sven Schröder veranlassten, schon sehr zeitig für vergleichsweise kleine Vergehen sofort Gelb zu ziehen. Damit setzte er sich selbst mächtig unter Druck.
Und nun kann es losgehen. Abwarten, taktieren, erst mal Ruhe reinbringen, hinten gut stehen – es gibt so viele Floskeln für eine Anfangsphase. Keine davon schienen die Kicker der jeweiligen Startformation zu kennen. Alle Mann volle Pulle nach vorne, so sah es aus.
Nach drei Minuten wurde Nima Amiri im Strafraum gefoult, zum ersten Mal in diesem Spiel ertönte der Elfmeterpfiff. Salih Aktürk legte sich das Leder zurecht, Kilian Schubert parierte den halbhoch geschossenen Ball.
Beim nächsten Versuch kam Nima durch, wieder blieb Schubert Sieger. Anschließend ging es in die andere Richtung. Caner Özcin aus vollem Lauf, Simeon Hawwary mit einer Faust. Gleich darauf Gentuar Durmishi volley, das Spielgerät krachte an die Latte.
Das waren nur die Hochkaräter aus den ersten zehn Minuten. Klosterfelde blieb etwas mehr am Drücker, vergab durch Michel Sobek (Kopfball freistehend aus fünf Metern) die bis dahin klarste Chance und geriet kurze Zeit später nach der nächsten Glanzparade von Simeon Hawwary in einen Konter. Jose Aranda zog los, mit einer tollen Reaktion verhinderte Kilian Schubert die Rathenower Führung.
Die musste dann eigentlich auf der Gegenseite fallen. Auflösen können wir die Situation nicht. Nahe der Eckfahne gab es einen Zweikampf und natürlich richteten sich die Blicke der Zuschauer dorthin. Plötzlich ein Pfiff und der unmissverständliche Fingerzeig des Referees auf den Punkt. Justin Gerlach soll im Strafraum seinen Gegenspieler geklammert haben. Philip Einsiedel trat an, Simeon Hawwary hielt den Ball sogar fest.
Nach so vielen vergebenen Gelegenheiten war Optiks Führung dann doppelt schön. Ein Super-Pass von Jose Aranda auf Yohji Kore. Der chippte das Leder gekonnt am Keeper vorbei zum 0:1 ins linke Eck.
„Wie gewonnen, so zerronnen“. So dachten wohl die meisten der 20 Rathenower Anhänger unter den 155 Zuschauern. Vom Anstoß weg spielte Union nach vorne, Hakim Abal rutschte aus und ermöglichte den Gastgebern so zwei glasklare Einschussmöglichkeiten.
Beide vergeben, doch Sekunden später kam eine Szene mit zwei Ex-Rathenowern. Der nachsetzende Thilo Gildenberg kam im Duell mit Simeon Hawwary zu Fall, es gab den dritten Strafstoß. Diesmal übernahm Caner Özcin die Verantwortung – links am Tor vorbei.
Kaum 120 Sekunden später kratzte Simeon einen Schuss aus dem Dreiangel und damit haben wir sie, die Aufreger der ersten halben Stunde.
In den noch übrigen, inklusive Nachspielzeit, 14 Minuten wirkte der FSV strukturierter und ballsicherer als der Aufsteiger. Und wer bis vier zählen kann weiß, einen haben wir noch. Gentuar Durmishi trat Jose Aranda im Laufduell in die Hacken, das Ganze im Strafraum und damit mal wieder Elfmeter. Yohji Kore legte sich den Ball auf den Punkt und jagte ihn mit Schmackes zum 0:2 in die Maschen.
In der Halbzeit entschied man sich, den Gelb-Rot gefährdeten Yunus Solak durch Jakob Reichenbach zu ersetzen. Was es vor der Pause an Einschussmöglichkeiten gab, wurde danach gefühlt an Karten vergeben. Wie bereits erwähnt, es war nicht ein einziges wirklich böses Foul dabei.
Die erste richtige Chance brachte gleich den Anschluss. Einen Kopfball konnte Simeon Hawwary reaktionsschnell noch an die Latte lenken, beim nachsetzenden Caner Özcin war er machtlos.
Das 1:2 löste einen Sturmlauf der Gastgeber aus. Das jedoch fast ausnahmslos nach demselben Strickmuster. Hohe Flanken auf den Elfmeterpunkt, die von Justin Gerlach und Jakob Reichenbach aus dem Strafraum geköpft wurden.
Allerdings kamen die Bälle postwendend wieder zurück. Da fehlte dem FSV die Cleverness. Und das nicht nur hinten! Bei einem der nun nicht mehr so häufigen Gegenstöße wurde Gia Huy Phong hart bedrängt und kam zu Fall. Im Glauben, einen Freistoß zu bekommen, nahm sich Huy den Ball. Das Problem war, der Schiedsrichter hatte das Match gar nicht unterbrochen. Das bedeutete Handspiel und Gelb-Rot für den verwarnten Phong.
So vogelwild wie die Partie begann, endete sie auch. Die erneut vierminütige Nachspielzeit hatte gerade begonnen, da schoss der eingewechselte Chris Onu fast von der Mittellinie über den recht weit vor dem Tor stehenden Schubert. Pech für Optik, der Ball landete auf statt im Netz.
Dafür Dusel im Gegenzug als bei einem Strafraumgetümmel mehrere Klosterfelder nicht an das Streitobjekt gelangen und es letztlich Abstoß gab. Dann war endlich Feierabend und Spieler und Fans durften den zweiten Saisonsieg bejubeln.
Ingo Kahlisch: [s]„Wir könne schon reell zuschauen. Außer einem überragend haltenden Simeon und einem sehr guten Jose war heute auch eine Portion Glück dabei. Das war mit Sicherheit nicht eines unserer besten Spiele, mit einer sogar schlechten zweiten Halbzeit. Trotzdem denke ich, auf Grund der kämpferischen Einstellung war es nicht so völlig unverdient. Jetzt sind wir erst einmal an den anderen, die mit unten stehen, dran. Wir werden jetzt nichts euphorisch schön reden, bescheiden bleiben und wollen weiter punkten.“[/s[
Optik: Hawwary (G) - Hinze, Abal, Gerlach, Phong (84. G/R) - Solak (G/46. Reichenbach/G), Bateman (G) - Aranda Aedo (67. Onu), Aktürk (67. Zdep), Amiri (G/57. Donner) - Kore (G/61. Vicente/G)
Tore:
0:1 Yohji Kore (26.)
0:2 Yohji Kore (45.+2 FE)
1:2 Caner Özcin (62.)
-
(84.) -
67.
Caner Özcin (62.)