FSV OPTIK RATHENOW

Brandenburgischer Landespokalsieger 2013, 2014

GESCHICHTE

Jahrhunderte sind vergangen, seit im mittelalterlichen England die Einwohner zweier Vororte Londons einer Kugel nachjagten, die sie mit dem Fuß bzw. mit dem Kopf in ein bestimmtes Ziel zu stoßen suchten. In Deutschland wird seit Ende des 19. Jahrhunderts das moderne Fußballspiel nach englischem Vorbild betrieben. Und im Westhavelland gab es die ersten Versuche bei Spartakus- und Preußen Rathenow. Aller Anfang war schwer, den Ball unter Kontrolle zu halten. Es verlangte damals wie heute Geschicklichkeit und viel Übung. Nach der Fusion im Frühjahr 1906 wurde das Interesse am Fußballspiel immer größer. Der Fußballplatz am Viertellandsweg, bei „Bolle" wurde zu einem Magneten, Die Aktiven mussten sich intensiv mit dem Regelwerk beschäftigen, was die Zuschauer nicht unbedingt mussten. Die Spiele lockten auch Schaulustige an, die mehr aus Neugierde kamen, das Fußballspiel als eine Jagd von 22 Spielern hinter einem Ball betrachteten.

In den dreißiger Jahren fusionierte die Spielvereinigung 06 mit dem Turnverein Vater Jahn unter dem neuen Vereinsnamen VfL, der 1939 den Aufstieg zur zweithöchsten Klasse, nach der damaligen Gau-Liga in Berlin-Brandenburg, schaffte. Mit Ausbruch des zweiten Weltkrieges wurde es um den Fußball sehr ruhig, bis 1945 spielte sich alles nur auf Kreisebene ab. In den Jahren danach stand das Überleben im Vordergrund. Davon profitierten Landessportgemeinschaften, die gute Spieler aus Rathenow mit lebenswichtigen Naturalien lockten. Typisch zu dieser Zeit war die Hohennauener „Kartoffelmannschaft". Aber nicht lange. Das Leben in Rathenow normalisierte sich. Ehemalige Fußballer des VfL und des Rathenower Ballspielclubs (RBC), die überlebt hatten, betraten wieder die Fußballbühne. Die vom VfL zog es wieder zu „Bolle" an den Viertellandsweg unter dem Namen „Verkehr", die anderen wurden am Schwedendamm unter dem Namen „Verwaltung" ansässig. Zwei Jahre später wurde aus „Verkehr" die BSG Mechanik (1950), die drei Jahre später in BSG Motor umbenannt wurde.

Als 1990, durch die Wende bedingt, viele Betriebe und Institutionen als Geldgeber für den Sport nicht mehr zur Verfügung standen, ging es im Osten nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch im Sport bergab. Beängstigend war auch die Situation für den aus der BSG Motor hervorgegangenen SV Optik Rathenow. Obwohl der Sportverein einen neuen Namen hatte, war er doch nach wie vor in erster Linie von den Rathenower Optischen Werken abhängig. Doch dem Unternehmen stand wirtschaftlich gesehen „das Wasser bis zum Hals". Den Luxus einer Quasi-Profimannschaft konnten sich die ROW nicht mehr leisten. Ab 1990 mußten die Spieler der Bezirksligamannschaft wieder im Betrieb arbeiten. Für viele war es das erste Mal, daß sie an der Maschine standen. Die Tage der Fußballer in den ROW waren gezählt. Spieler begannen abzuwandern, um in den alten Bundesländern ihr Geld zu verdienen. Die Zukunft für den SV Optik Rathenow sah nicht gut aus. Wie der Verein, stand auch die Sektion Fußball auf dem Spiel. Trainer Ingo Kahlisch hatte die erste Männermannschaft zu einer der besten im Land Brandenburg geformt. Und auch die Nachwuchsabteilungen erfreuten sich eines regen Zulaufs. Sollte die erfolgreiche Arbeit der vergangenen Jahre eventuell „den Bach runtergehen"? Getreu dem Motto „Allein ist der Starke am mächtigsten" bereitete man die Gründung eines selbstständigen Fußballvereins vor.

Im Februar '91 war es dann soweit. Im Boxerheim am Vogelgesang wurde der Fußballsportverein Optik Rathenow gegründet. Präsident ist seitdem Willi Gertig, die Geschäfte führt Ingo Kahlisch. Sportlich ging es, ungeachtet der schlechten wirtschaftlichen Lage, von Jahr zu Jahr bergauf. Von der Bezirksliga über die Stationen Landesliga, Verbandsliga, 1992 in die Amateuroberliga. Das war schon ein großer Erfolg für den Rathenower Fußball. Der größte Coup gelang den Männern um Ingo Kahlisch ohne Zweifel im Juli 1994. Als Siebter der Staffel Nord schaffte man in der Relegation gegen den Süd-Oberligisten Wacker Nordhausen durch zwei Siege (2:0 und 3:4) den Sprung in die neugeschaffenene Regionalliga Nordost. Damit gehörte der FSV Optik zu den 18 stärksten Amateurvereinen der Länder Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen und der Stadt Berlin. Der Regionalliga gehörten unter anderem Mannschaften wie Union Berlin, Sachsen Leipzig, FC Carl Zeiss Jena, Tennis Borussia Berlin, Rot-Weiß Erfurt, Erzgebirge Aue oder der spätere Bundesligist Energie Cottbus an.

Eine fast noch größere Überraschung als der Aufstieg in die Regionalliga, war für viele Experten der Klassenerhalt des Underdogs im Sommer '95. Noch während der Ligaerhalt gefeiert wurde, deutete sich jedoch schon an, daß die zweite Saison ungleich schwerer werden sollte. Mit Uwe Schulz und Jan Voß meldeten sich zwei wichtige Leistungsträger ab. Im Verlauf der Saison kam dann noch die Formschwäche des ein oder anderen wichtigen Spielers hinzu. Und auch das Glück war nicht immer auf Seite der Rathenower. So kassierte Optik in etlichen Spielen den entscheidenden Gegentreffer erst in der 90. Spielminute. Mit dem Abstieg in die Oberliga waren natürlich Spieler, die inzwischen Begehrlichkeiten bei anderen Vereinen geweckt hatten - Guido Block bei TeBe und Shubitidze später bei Erzgebirge Aue - nicht mehr zu halten. Für die Oberliga wurde eine neue Mannschaft mit vielen jungen Spielern aufgebaut. Neun Spielzeiten in der Oberliga folgte, bis der FSV in der Saison 2004/05 in die Verbandsliga abstieg. Nach einem sicheren Mittelfeldplatz in der Hinrunde, kam dieser Abstieg relativ unerwartet, bot aber die Chance auf einen Neuanfang.

So wurden zu Beginn der folgenden Verbandsligasaison vielen junge talentierte Spielern in die Mannschaft integriert. Mit einem Altersdurchschnitt von 21,4 Jahren bot Optik somit eines der jüngsten Teams der Liga auf. Das Ziel, sich mit dieser Mannschaft in den oberen Tabellenregionen anzusiedeln. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten, Optik befand sich nach 10 Spieltagen auf Rang Elf, konnte man nach einer starken Rückrunde noch das angestrebte Ziel erreichen und auf einem guten dritten Platz landen.

Im Großen und Ganzen konnte die Mannschaft in der zweiten Verbandsligasaison zusammengehalten werden. Durch den Hinzugewinn weiterer junger Talente hat sich der Verein zudem punktuell verstärken und auch in der Breite etwas ausgeglichener besetzen können. So war es nicht verwunderlich, dass die Liga den FSV Optik vor der Saison bereits als Staffelfavoriten ausmachte. Und Optik nahm sich der Favoritenrolle an, der Aufstieg in die Oberliga wurde als Ziel ausgerufen. Zwei Niederlagen zum Saisonstart holten die Optiker aber zunächst auf den Boden der Tatsachen zurück. Trotzdem verlor im Verein niemand die Nerven und es wurde ruhig weiter gearbeitet. Das sollte sich auszahlen. So blieb der FSV Optik die nächsten 14 Spiele ohne Niederlage, wobei 12 Spiele davon gewonnen werden konnten. Auch die Tordifferenz dieser Serie konnte sich mit 36:4 Toren sehen lassen. Der daraus resultierenden Herbstmeisterschaft folgte eine soldie Rückrunde, die in der Verbandsmeisterschaft und dem damit verbundenen Aufstieg endete. Dass Optik mit Patrik Scholz zudem den Torschützenkönig der Liga stellte, war noch ein zusätzlicher Bonus auf diese tolle Spielzeit.

Nach dem Wiederaufstieg entwickelte sich Optik zu einer guten Oberligamannschaft. Mit den jungen Spielern, die sich sich über Jahre bei Optik zu gestandenen Oberligafußballern entwickelt hatten, und den immer wieder neu zum Team hinzustoßenden Jungtalenten, konnte sich Optik stets im oberen Tabellendrittel behaupten. Die Entwicklung des gesamten Vereins blieb nicht stehen. Das Stadion wurde komplett erneuert und auf Regionalligatauglichkeit getrimmt, der Austausch zwischen Verein und Presse wurde vorangetrieben, Optik entwickelte sich zu einer kleinen bekannten Marke in der Region. Und so konnte unser kleiner Verein in der Saison 2011/2012 nach 16 langen Jahren mit dem Erreichen des dritten Tabellenplatzes den Wiederaufstieg in die Regionalliga feiern. Nicht nur der Aufstieg, sondern auch die Leistung mit der Optik diesen Kraftakt bewältigt hatte, fand allerorten Anerkennung. Mit vergleichsweise geringen finanziellen Mitteln konnten die Aufstiegsaspiranten BFC Dynamo, TSG Neustrelitz und der Torgelower SV Greif auf Distanz gehalten werden.

Dem Aufstieg folgte ein Jahr in der Regionalliga, das wohl niemand vergessen wird. Vereine wie der 1. FC Magdeburg, immerhin einziger Europapokalsieger der damaligen DDR, Carl Zeiss Jena, FSV Zwickau, Lok Leipzig, RB Leipzig und viele mehr konnten wir am Vogelgesang begrüßen. Trotz dieser großen Namen spielte Optik eine großartige Saison, in der man nie in Abstiegsgefahr geriet. Am Ende stand ein sicherer Platz elf auf dem Tableau. Aber nicht nur in der Liga lief es rund. Die erfolgreichste Saison der Vereinsgeschichte sollte mit einem Spektakel zu Ende gehen. Im letzten Spiel der Spielzeit gewann Optik zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte den Landespokal in Brandenburg und qualifizierte sich dadurch erstmals für den DFB-Pokal. In einem ausgeglichenen Finale gegen den SV Altlüdersdorf konnte sich Optik nach einem spannenden Elfmeterschießen durchsetzen. Die Stimmung während des Spiels und bei der anschließenden Siegesfeier vor über 400 mitgereisten Fans aus Rathenow wird allen, die dabei waren, unvergessen bleiben.

Die Regionalligasaison 2013/2014 startete für den FSV mit einer Woche Verspätung, da am ersten Spieltag die 1. Runde des DFB-Pokals ausgespielt wurde. Optik konnte sich vor bundesweiter Kulisse im Live-TV präsentieren - und wie! Durch eine geschlossene Mannschaftsleistung konnte unser Team gegen den Vorjahresvierten der Zweiten Bundesliga, den FSV Frankfurt, lange Zeit mithalten. Erst in der zweiten Halbzeit der Verlängerung musste sich Optik mit 1:3 geschlagen geben – den Respekt des Gegners, aber auch vieler Fußballfans in der Region und dem ganzen Bundesgebiet hatte das junge Team trotzdem gewonnen. Aber auch in der Liga begann Optik stark. Nach fünf Spieltagen stand man auf Platz drei der Tabelle, ohne ein einziges Spiel verloren zu haben. Nach einer Serie von elf sieglosen Spielen, in denen nur zwei Punkte ergattert werden konnten, folgte jedoch noch vor der Winterpause der Absturz auf Rang 13. In einer dramatischen Rückrunde traf den FSV in der Winterpause das Schicksal ganz besonders. Der jahrzehntelang im Dienste des Vereins stehende Michael "Micha" Lanz verstarb völlig überraschend in der Nacht zu Heiligabend. Aber auch unser langjähriger Betreuer Olaf "Schimmel" Franke musste krankheitsbedingt noch vor dem Start der Rückrunde seine Vereinsarbeit niederlegen. Zwei Schicksalsschläge, mit denen es erstmal klarzukommen galt.

Die Rückrunde begann wie die Hinrunde aufhörte – ohne einen Sieg in den nächsten sechs Spielen. Nach nunmehr 16 sieglosen Partien, der schwächsten Serie in der Vereinsgeschichte, fand sich Optik mittlerweile auf dem letzten Tabellenplatz wieder, der bis zum Saisonende nicht mehr verlassen werden konnte. Zwar rappelte sich Optik, trotz eines weiteren schweren Schicksalsschlages - der Erkrankung unseres Trainers Ingo Kahlisch, die ihn bis zum Saisonende außer Gefecht setzte - zum Ende nochmal auf, aber 12 Punkte in den letzten sechs Spielen reichten nicht mehr, um an den wiedererstarkten Lokisten aus Leipzig und dem SV Babelsberg 03 vorbei zu ziehen. Am Ende standen 29 Punkte in 30 Spielen auf dem Papier, eine Punktzahl die in jeder anderen Regionalliga Deutschlands für den Klassenerhalt gereicht hätte, und der bittere Weg führte zurück in die Oberliga.

Nur im Pokal konnte Optik auch in diesem Jahr wieder von sich reden machen. Über Neustadt, Ludwigsfelde, Luckenwalde, Sachsenhausen und Eisenhüttenstadt führte der Weg erneut ins Landespokalfinale. Dort traf der FSV im heimischen Stadion Vogelgesang auf den Regionalligisten SV Babelsberg 03. Dort hatte Optik von Beginn an das Heft in der Hand. Bereits kurz nach dem Anpfiff der ersten Halbzeit ging der FSV in Führung. Zwar kam Babelsberg nochmal zurück ins Spiel und zum Ausgleich, schlussendlich waren es aber die Rathenower, die noch zwei weitere Tore erzielten und somit den Landespokal verteidigen und dadurch den erneuten Einzug in die erste DFB-Pokal-Runde erreichen konnten. In der Auslosung fiel dort das Los auf den Zweitligisten FC Sankt Pauli. So groß die Vorfreude auf das Pokalspiel ist, das Einzige was zählt ist die Liga. Und die heißt in der kommenden Saison Oberliga. Nun gilt es, sich auf seine Stärken zu besinnen und mit einer starken Teamleistung die Tabellenspitze anzugreifen.